Aus dem Salon zum Startup: „Die Ausbildung ist nur der Anfang“

Wer durch die Gänge einer großen Drogeriemarktkette läuft, ist bei den Haarpflege- und Stylingprodukten vielleicht schon einmal auf das blumige Design der Haarpflegemarke aufmerksam geworden. „Langhaarmädchen“ ist das erste Startup, das eine eigene Exklusivmarke in Kooperation mit der Drogeriekette aus Karlsruhe entwickelt hat. Dahinter stehen die Gründerinnen Ramona Mayr und Julia Schindelmann, die sich ihren Traum erfüllt haben und mit ihrem Unternehmen bereits zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen. Der Erfolg der jungen Frauen beruht auf ihrer Empathie, ihrer Bodenständigkeit und ihrer Beharrlichkeit, die beide während ihrer dualen Berufsausbildung als Friseurinnen vermittelt bekommen haben, und den hinterher in der Arbeitswelt und auf Weltreise gesammelten Erfahrungen. Die beiden sehen ihren Beruf nicht einfach nur als Handwerk, sondern als Möglichkeit, Menschen glücklich zu machen.

Ungeplant zu Deutschlands bester Jungfriseurin

Julia Schindelmanns Eltern hatten ihr für ihre berufliche Zukunft schon früh geraten, auf ihr Herz zu hören: „Es muss Spaß machen und nicht in erster Linie ums Geld gehen“. Die Würzburgerin war schon immer kreativ und hat gern gemalt und gebastelt, aber Friseurin wollte sie eigentlich nie werden. Stattdessen hatte sie nach ihrem Realschulabschluss das Ziel, Maskenbild zu studieren. Sie träumte davon, etwas Cooles und Großes zu schaffen, bemerkte dann allerdings, dass sie mit einer abgeschlossenen Friseurausbildung leichter Zutritt an den Hochschulen für Maskenbild erhalten würde. Schließlich entschied sie sich für eine Ausbildung beim günstigsten Friseur der Stadt, weil dieser ihr zusagte, die duale Ausbildung auf zwei Jahre zu verkürzen. Sie war hoch motiviert zu lernen und übte zu Hause fleißig an den Haaren ihrer Familie und Freunde. Schnell begann sie Gefallen an dem Handwerk und an der abwechslungsreichen, kreativen Arbeit mit Menschen zu finden. Ihr Salon ließ sie früh direkt an den Kunden arbeiten, anstatt nur an Puppen zu üben, was sich letztendlich in ihrer steilen Lernkurve widerspiegelte. Am Ende wurde sie unter anderem durch ihren kreativen Gothic-Punk-Brautlook, inklusive Sidecut und einrasiertem Leopardenmuster, als beste Gesellin Würzburgs ausgezeichnet, dabei hatte sie davor noch nie von dieser Auszeichnung gehört.

Doch ihr Aufstieg fing gerade erst an: Julia Schindelmann wechselte zu einem als Weltmeister prämierten Friseur, erhielt eine Eliteförderung, wurde Landes- und schließlich Bundessiegerin: 2010 durfte sie sich Deutschlands beste Jungfriseurin nennen. Eineinhalb Jahre arbeitete sie, bevor sie ihren durch die Eliteförderung finanzierten Meister in sechs Monaten durchzog. Während dieser Zeit lernte die junge Frau viel Disziplin, Genauigkeit und Schnelligkeit – Fähigkeiten, die sie auch heute noch im Alltag einsetzt. Julia Schindelmann war noch jung, als sie ihren Meister machte, und erhielt für ihren Titel den Meisterpreis der bayerischen Staatsregierung. Sie hatte nicht vor, direkt einen Salon zu eröffnen, aber sie wollte den Titel unbedingt für ihren Lebenslauf.

„Es ist deine Verantwortung, was du aus der Ausbildung machst“

Für die Ulmerin Ramona Mayr war schon früh klar, dass sie Friseurin werden wollte: Ihre Mutter arbeitet in dem gleichen Beruf und als Kind fand sie es faszinierend, wie viel Freude ihrer Mutter der Umgang mit Kundschaft bereitete. Sie nahm ihre Zukunft daher in die eigene Hand: Bereits nach der achten Klasse begann sie, als Aushilfe im elegantesten Salon Ulms zu arbeiten. Nach der Schule kehrte sie dort die abgeschnittenen Haare zusammen und genoss es, mehr Einblicke zu erhalten. Zwei Jahre später fing sie schließlich dort ihre duale Berufsausbildung an. Aber sie hatte Größeres vor: Inspiriert von einer Kollegin ging sie im Anschluss nach München, ließ sich als Hair and Makeup Artist ausbilden und sattelte ihren Meister auf. Als sie gerade einmal 20 Jahre alt war, meldete sie ihr Gewerbe an. Die Schwäbin war nicht nur mehrfach für den German Hairdressing Award nominiert, sondern verfolgte vor allem zielstrebig ihren Traum, auf der New York Fashion Week zu arbeiten und international durchzustarten.

Auf der Weltreise zum eigenen Unternehmen inspiriert

Die Wege von Julia Schindelmann und Ramona Mayr kreuzten sich in einem Münchner Friseursalon, wo die Fränkin und die Schwäbin zu einem Herz und einer Seele wurden. Nach der gemeinsamen Zeit in der bayerischen Landeshauptstadt kehrte die Würzburgerin zurück in ihre Heimat. Die Schwäbin hingegen zog es nach Kapstadt, um für große Modeshootings zu arbeiten. Allerdings fühlte sie sich nicht hundertprozentig wohl in dieser Welt. Ramona Mayr vermisste die Bodenständigkeit ihres Handwerks, die ihr immer ein gutes Gefühl gegeben hatte. Also zog sie weiter nach Australien und fand innerhalb kürzester Zeit einen Friseursalon in Sydney, in dem sie arbeiten konnte und dessen Geschäftsführung ihr Visum sponserte. Dort wurde sie als deutsche Arbeitskraft mit offenen Armen willkommen geheißen. Sie erfuhr viel Anerkennung für ihre ordentliche Arbeitsweise und die Techniken, die sie während ihrer dualen Berufsausbildung in Deutschland gelernt hatte. Ihre australischen Kolleginnen und Kollegen nahmen sogar Videos von ihr auf. Im Gegensatz zu der jungen Deutschen hatten nicht alle das Handwerk von der Pike auf gelernt. Nach einiger Zeit beschloss Ramona Mayr, dass sie das Land der Kängurus besser kennenlernen wollte. Sie kündigte, kaufte sich einen Bus, reiste durch Australien und veranstaltete Events rund um das Thema Haarstyling. Wie durch ein gefühltes Eigenstudium las Ramona Mayr unzählige Unternehmerbücher, befasste sich monatelang nur noch mit Unternehmertum und Persönlichkeitsentwicklung sowie der Frage nach Erfüllung. Ihre Freundin Julia Schindelmann flog für vier Wochen nach Down Under und die Idee der „Langhaarmädchen“ nahm zunehmend Form an. Zurück in Deutschland begannen Ramona Mayr und Julia Schindelmann, als frisch entpuppte Visionärin und Managerin, ihre Ideen umzusetzen. Auf dem Weg zur Selbstverwirklichung haben sie eins nie verloren: den Wert der Bodenständigkeit, den sie zu Hause, im Handwerk und insbesondere durch die solide Ausbildung mitbekommen haben.

Welche Voraussetzungen sollten Interessierte für die duale Ausbildung im Friseurhandwerk erfüllen?

Am wunderbarsten an ihrem Beruf finden die „Langhaarmädchen“ das Zusammenspiel aus kreativer Verwirklichung, Menschen etwas Gutes zu tun und den Flow bei der Arbeit. Kreativität, soziale Kompetenz und Beharrlichkeit während der Berufsausbildung seien demnach wichtige Grundlagen. Die Berufsschule bedeutete für beide die erste positive Schulerfahrung ihres Lebens, in der sie das Gefühl vermittelt bekamen, aufgrund ihrer Leistung wertvoll zu sein und etwas erschaffen zu können. Für die Freundinnen ist das beste Gefühl als Handwerkerinnen, dass sie etwas kreieren und sehen, was sie damit bewegen können: Wie eine äußerliche Veränderung in Form einer neuen Frisur bei der Kundschaft mehr innere Zufriedenheit und Selbstbewusstsein bewirken kann. Ihrer Meinung nach ist die Ausbildung der wichtige Anfang, um die Grundbereiche des Friseurhandwerks kennenzulernen und herauszufinden, wofür die Begeisterung besonders groß ist. Danach geht der Weg erst richtig los und bietet verschiedene Richtungen zur eigenen Weiterentwicklung.

Ramona Mayr und Julia Schindelmann schwärmen von der kreativen Grenzenlosigkeit, die einem als Friseurin und Friseur gegeben ist, und von dem hohen Maß an Eigenverantwortung, die dieser Beruf ermöglicht. Im Handwerk wird die eigene, sichtbare Kreation wertgeschätzt, und nicht nur ein guter Lebenslauf gewürdigt. Gleichzeitig spielt der Dienstleistungsgedanke eine zentrale Rolle: Wer freundlich in die Welt geht und anderen etwas Gutes tut, wird entsprechend belohnt – am Ende des Friseurbesuchs stehen schließlich sichtbare Ergebnisse und eine zufriedene Kundschaft. Gleichzeitig wachsen die Offenheit und Empathie gegenüber anderen Menschen, während man durch den Kontakt mit anderen auch mehr über sich selbst lernt. Davon profitieren die beiden noch heute: Auch als Unternehmerinnen geht es schließlich um die Frage, wie sie mit Menschen umgehen.

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