Vom Hörsaal in die Berufsschule und den Betrieb: eine bewusste Entscheidung für die duale Berufsausbildung

Im Kampf gegen das Coronavirus schaut gerade ganz Deutschland auf das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) im hessischen Langen: Heike Helgerts Kolleginnen und Kollegen aus der Virologie stehen im Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel an vorderster Front im Hinblick auf die Bereitstellung eines wirksamen Impfstoffs in der Pandemie in Deutschland. Das Paul-Ehrlich-Institut ist aber auch für Impfstoffe gegen bakterielle Infektionen zuständig. Die 32-Jährige selbst beschäftigt sich jetzt in der Abteilung für mikrobiologische Impfstoffe vor allem mit der Prüfung von Toxoid-Misch-Impfstoffen (u.a. Kinder- und Säuglingsimpfstoffe), die später von den Herstellern auf den Markt gebracht werden sollen. Als Biologielaborantin übt die junge Frau nicht nur eine verantwortungsvolle Tätigkeit aus, sondern hat mit ihrer dualen Ausbildung auch genau den Beruf gefunden, den sie sich immer vorgestellt hat – und der genauso gute Karrierechancen wie ein Bachelor-Abschluss einer Hochschule bietet.

Was macht eine Biologielaborantin?

Heike Helgert bezeichnet ihre Arbeitsstelle gern als TÜV für Impfstoffe. Im Paul-Ehrlich-Institut werden die von Pharmaunternehmen hergestellten Vakzine hinsichtlich ihrer Bestandteile und Zusammensetzung kontrolliert, bevor sie für den Markt zugelassen werden dürfen. Ist der Impfstoff fehlerhaft, muss etwas vor der Freigabe verändert werden. Diese Frage klärt die junge Frau mithilfe verschiedener Labortests, deren Daten sie anschließend am PC auswertet. Am meisten fasziniert sie ihr Beruf auch genau aus diesem Grund: Die Arbeit bleibt immer spannend, weil erst die Datenauswertung der genutzten Geräte zeigt, ob der Versuch mit den kleinen Volumina, die das bloße Auge kaum wahrnimmt, richtig funktioniert hat. Es bleibt also stets aufregend und erfordert ein sehr genaues Arbeiten, um Resultate sehen zu können.

Vom Beipackzettel zum dualen Ausbildungsplatz

Wie funktionieren eigentlich Pflanzen und wie ist der menschliche Körper aufgebaut? Schon als Kind interessierte sich Heike Helgert für die Natur und sah sich früh bei der Arbeit im Labor. Zu ihrem Traumberuf fand sie jedoch über Umwege. Nach dem Abitur begann die Hessin zuerst ein Biotechnologie-Studium in ihrer Heimatstadt Gießen. Irgendwann bemerkte sie, dass sie die biopharmazeutische Richtung mehr interessierte als die Schwerpunkte ihres Studiengangs. Die junge Frau fasste den Entschluss, ihr Studium aufzugeben und eine duale Berufsausbildung zur Biologielaborantin zu beginnen. Auf das Paul-Ehrlich-Institut wurde Heike Helgert zufällig aufmerksam: Als sie ihre Mutter für eine Osteoporose-Spritze in ein Krankenhaus begleitete, las sie auf dem Beipackzettel, dass das Medikament vom Paul-Ehrlich-Institut geprüft und zugelassen worden war. Sie informierte sich online über das Angebot des Instituts und begann wenige Monate nach der erfolgreichen Bewerbung ihre duale Berufsausbildung als Biologielaborantin.

Darmstadt, Langen und Bonn: an mehreren Orten ausgebildet

Wer schon eine Weile studiert hat, weiß doch schon alles? Nicht unbedingt. Heike Helgert hat viel Neues gelernt: Immunologie, Hämatologie und Versuchstierkunde standen das erste Mal auf dem Stundenplan. In ihrem neuen Lieblingsfach Zellkulturtechnik bemerkte sie, dass ihr insbesondere die Arbeit mit Zellen großen Spaß macht. Diese seien schließlich „wie kleine Haustiere“, die gefüttert werden möchten und um die sich jemand kümmern und schauen müsse, dass es ihnen gut geht. Als die heute 32-Jährige während der dualen Ausbildung in der Forschungsabteilung eingesetzt wurde, arbeitete sie entsprechend oft mit Zellen und fand es toll, viel ausprobieren zu können.

Das Besondere an Heike Helgerts Ausbildung am Paul-Ehrlich-Institut: Für die praktische Grund- und Ergänzungsausbildung ging es im ersten und zweiten Ausbildungsjahr jeweils für ein halbes Jahr in das Ausbildungslabor des Pharmaunternehmens Merck nach Darmstadt. Dort lernte sie alle wichtigen Labortechniken kennen. Im Anschluss an diese Aufenthalte durfte sie direkt in den Abteilungen ihres Instituts mitarbeiten und auch an kleinen Versuchen eigenständig forschen. Während der gesamten Ausbildungszeit lernte sie kontinuierlich an ein bis zwei Tagen in der Woche die Theorie in der Berufsschule und konnte ihr neu erlangtes Wissen direkt praktisch anwenden. Zur Horizonterweiterung ging es außerdem für ein zweiwöchiges Praktikum an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn. Schließlich hatte sie die Möglichkeit, ihre Ausbildung aufgrund ihrer guten Leistungen um ein halbes Jahr zu verkürzen und bereits nach drei Jahren abzuschließen.


Abwechslung auch außerhalb des Labors

Selbst abseits der Ausbildungsinhalte hat die Hessin dazugelernt: Im Vergleich zu ihrem Studium ist sie eigenständiger geworden und hat zudem das starke Gemeinschaftsgefühl in den Einrichtungen zu schätzen gelernt. Sie betont, dass während der dualen Ausbildung individuell auf die jungen Menschen eingegangen würde, anstatt dass sie in der anonymen Masse untergehen. Auch die Auszubildenden selbst hatten viel Kontakt miteinander, waren auf Klassenfahrt in Amsterdam, tauschten sich beim wöchentlichen Burger-Essen untereinander aus und unterstützten sich gegenseitig. Heike Helgert wurde von den anderen Auszubildenden als Klassensprecherin gewählt und absolvierte zusätzlich einen Lehrgang als MINT-Mentorin, um zu Besuch kommende Schülerinnen und Schüler für die Naturwissenschaften zu begeistern und ihnen die Arbeit im Biologielabor näherzubringen.


Welche Voraussetzungen sollten Interessierte für die duale Ausbildung im Biologielabor erfüllen?

Für Heike Helgert ist eine wichtige Prämisse das Interesse an allem, was mit Leben zu tun hat – Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen. Gleichzeitig ist ein technisches Grundinteresse nützlich für die Arbeit mit Geräten und der Datenanalyse am Computer. Freude an Experimenten und eine gute Belastbarkeit, wenn diese nicht auf Anhieb funktionieren, sind unabdinglich. Eine gute Fingerfertigkeit ist aufgrund des vielen Pipettierens von Vorteil – die Hände einer Biologielaborantin und eines Biologielaboranten sind sozusagen ihr und sein Hauptwerkzeug. Biologie, Chemie, Physik und Mathematik sollten Spaß bereiten. Außerdem ist die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen wichtig; das gilt nicht nur vor dem Hintergrund der Impfstoffzulassung im Paul-Ehrlich-Institut. Für die gebürtige Gießenerin ist ihr Beruf genau das Richtige – jetzt möchte sie auch andere junge Menschen von der dualen Berufsausbildung als Biologielaborantin überzeugen.

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